Der Besuch des Taj Mahal

Taj Mahal - in love

Und wie es mich eines Besseren belehrt hatte

Taj Mahal Original

Ich gebe es gleich zu Anfang zu: Ich wollte eigentlich gar nicht zum Taj Mahal. Das hat mich vorher irgendwie nie interessiert. Zu überlaufen, zu gehypt, dachte ich. So ein Ort, von dem alle schwärmen und vor dem sich Tausende für dasselbe Foto drängen – darauf hatte ich echt keine Lust. Also hatte ich mir innerlich schon zugesichert, dass ich enttäuscht sein werde. Offen gesagt war das ziemlich überheblich von mir.

Diese Überheblichkeit hatte an dem Tag sogar ein Gesicht. Eine junge Inderin fragte mich freundlich, ob sie mit ihren beiden Freundinnen ein Foto mit mir machen dürfe. In Indien werden hellhäutige Menschen oft als etwas Exotisches angesehen. Schon vorher wurde ich gefragt, ob man mit mir ein Foto machen könne. Oder man wird beobachtet und angelächelt. Mich hat das an diesem Tag nur genervt und ich habe abgelehnt. Im Nachhinein schäme ich mich ein wenig dafür, dass ich so arrogant und überheblich war.

Die Wendung – Ich vergesse dich nie

Und dann kam der Moment, in dem das Taj Mahal mich langsam umgestimmt hat. Nicht mit seiner Größe, sondern eher mit seiner Geschichte. Ich erfuhr, dass der Großmogul Shah Jahan dieses Monument im 17. Jahrhundert für seine verstorbene Lieblingsfrau Mumtaz Mahal errichten ließe – als steinernen, unsterblichen Liebesbeweis. Der ganze Bau, komplett aus weißem Marmor, ist im Grunde ein gebautes „Ich vergesse dich nie“. Je länger ich darüber nachdachte, desto kleiner wurde meine anfängliche Arroganz.

Auch der Besuch selbst hatte etwas, das ich nicht erwartet hatte. Man läuft nicht einfach hinein und wild umher. Bevor man das Taj Mahal betritt, zieht man blaue Plastiküberzieher über die Schuhe, und dann wird man auf einem festgelegten Weg durch das Bauwerk geleitet. Alle Besucher gehen denselben Weg. Es erinnerte mich daran, wie man durch einen indischen Tempel geführt wird. Diese Ehrfurcht, die in diesem geordneten Ablauf steckt, hat etwas mit mir gemacht. Man bummelt hier nicht, man wird Teil eines stillen Stroms von Menschen.

Taj Mahal genießen

Was mich dann endgültig eingefangen hat, waren zwei Dinge, die mir erst später auffielen. Zum einen die makellose Symmetrie: Das Taj Mahal ist so perfekt spiegelgleich gebaut, dass das Auge keinen Fehler findet. Zum anderen der Marmor selbst, der je nach Tageszeit seine Farbe wechselt: rosa am Morgen, strahlend weiß zur Mittagszeit, golden im Mondlicht. Ein Gebäude, das nie ganz gleich aussieht. Ich stand irgendwann einfach da und schaute, und von meiner Überheblichkeit fehlte nun jede Spur.

Gegen Ende, im warmen Licht des beginnenden Sonnenuntergangs, wollten wir natürlich noch Familienfotos machen. Meine Tochter schlief da schon friedlich in der Trage. Mein Mann bat einen anderen Besucher, ein Bild von uns dreien zu machen, und ließ dabei ungesagt, dass das Taj Mahal selbstverständlich komplett mit auf das Bild sollte. Das verstand sich ja von selbst, schließlich war das ja der ganze Punkt des Tages. Der freundliche Fremde fotografierte uns tatsächlich perfekt, Goldener Schnitt – alles richtig. Nur hatte er die Türme des Taj Mahal großzügig abgeschnitten. Wir mussten beide so lachen, als wir das Bild später betrachteten. Manchmal bekommt man eben nicht das Postkartenmotiv, sondern eine Erinnerung mit Macke. Und die mag ich oft sogar lieber.

Taj Mahal - Türme bgeschnitten

Vom Foto zum Kunstwerk

Dieser Tag hat sich bei mir festgesetzt. Nicht als das abgehakte Wahrzeichen, das ich erwartet hatte, sondern als kleine Lektion in Demut. Und irgendwann, zurück an meinem Stickrahmen, wollte ich genau das festhalten. Nicht ein Foto, von denen ich ohnehin Hunderte habe, sondern etwas, in das meine Hände Stunden hineinlegen. Etwas, das dieses wechselnde Licht des weißen Marmors und diese Symmetrie auf Stoff einfängt.

Das war gar nicht so einfach, und ich will ehrlich sein: Zweimal habe ich die Stickerei wieder komplett aufgetrennt, weil mir das Ergebnis nicht gefiel. Ein weißes Marmorgebäude, das ständig die Farbe wechselt, in eine Stickerei zu übersetzen, ist eine echte Herausforderung. Erst beim dritten Anlauf fand ich eine Methode, die die feinen Details so zur Geltung bringt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zu beschreiben, wie ich das genau gelöst habe, würde diesen Beitrag sprengen – und offen gesagt steckt es ohnehin in der Anleitung.

Falls du also Lust bekommen hast, dieses kleine Stück Indien selbst zu sticken: Das vollständige Stickmuster mit allen Schritten, Farbangaben und Techniken findest du als Anleitung auf Crazypatterns. Es ist gar nicht so schwer, wie es am Ende aussieht – auch wenn ich für meinen Weg dorthin drei Anläufe gebraucht habe.

Taj Mahal Stickerei

Und solltest du einmal vor einem Ort stehen, von dem alle schwärmen, und du innerlich schon die Augen verdrehst: Gib ihm trotzdem eine Chance. Manchmal sind es genau die Orte, mit denen man nicht gerechnet hat, die einem am längsten im Gedächtnis bleiben. Bei mir war es ein weißer Marmorpalast, gebaut aus Liebe – und abgeschnittene Türmchen auf einem Familienfoto.

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